Martina Goernemann

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Mein Name ist Martina Goernemann und ich meine es wörtlich, wenn ich sage: „Ich wohne für mein Leben gern!“
Es gab einmal eine Zeit, da fand mein Leben vor allem in Fernsehstudios und an Schneidetischen statt. Ich saß mehr in Flugzeugen als auf meinem Sofa. Ständig in Eile, stets unter Strom. Vergaß oft meine Freunde, aber nie wann ich wo im Studio sein musste. Ich hatte herrliche Begegnungen mit unvergesslichen Menschen und Lehrmeister, die wie ein Sechser im Lotto waren: Frank Elstner -niemand ist so unerschöpflich, übersprudelnd kreativ wie er- , Desiree Nosbush -ehrlich und mit einem Herz aus Gold- oder Hape Kerkeling -einer der tiefgründigsten Menschen weltweit- . Ich liebte es, mir Sendungen auszudenken, die das Publikum unterhielten und berührten. Ich habe Vermisste im Fernsehen gesucht und gefunden, Erbschaften an ihre verschollenen Besitzer vermittelt und Quizsendungen produziert, denen ich mein ganzes Wissen über bayerische Handstickereien im 19. Jahrhundert und Vincent van Gogh verdanke. Ich habe mit Stars gearbeitet, denen der Angstschweiß im Gesicht stand, weil sie für den guten Zweck mit Löwen, Eisbären oder Würgeschlangen in die Manege mussten. Ich traf Menschen, die mein Leben bereichert und solche, die an meinen Nerven gesägt haben. Und Dieter Bohlen! Für den gilt beides.

Vier Beine! Wackelfrei! Zackbum!

Die Einschaltquote war stets der Zeugnistag. Ich hatte oft Zeugnistag! Wenn die Zahlen tief unten im Quotental hocken, können sie sehr hämisch grinsen. Auch wenn es das herrliche Freibadwetter war, das die Leute vom fernsehschauen abhielt, als Verantwortliche loderst stets du im Feuer. Während einer dieser Redaktions-“Grillsitzungen“ zischte ich der Kollegin neben mir zu: „Ich sattel um und werd‘ Schreiner. Dann bau‘ ich nur noch völlig dikussionsfreie Tische. Vier Beine mit Platte drauf. Wackelfrei! Zackbum!“ Ich mochte Tische immer schon. Tische an denen man essen, streiten und wenn’s sein muss Gedichte schreiben kann. Mir war nicht klar, dass ich in dieser Redaktionskonferenz ziemlich genau beschrieben hatte, wohin mein Weg führen würde. Zunächst aber erfand ich weiter bienenfleißig Sendungen und ertrug es, dass die bunte Fernsehwelt weiter an meinen Kräften rüttelte. In der Ferne machte sich aber -ohne das ich dies ahnte- ein Mensch bereit, mir meinen Weg zu zeigen. Der kleinste Mann, mit dem ich es je zu tun hatte, sollte dafür sorgen, dass ich mein Leben änderte.

Machen Landhäuser glücklich?

Selbstverständlich bemühte ich mich in diesen Tagen obendrein eine glückliche Ehe zu führen und eine Gastgeberin zu sein, die Freunden und Weggefährten jederzeit Herz und Haus öffnete. Für eine Weile glaubte ich tatsächlich, dass ein ruhigeres Leben sich unmittelbar einstellen würde, wenn man die Großstadt verließe. Also suchten und fanden wir ein Haus auf dem Land. Mir gefiel die Vorstellung, wie ich in weiten, karierten Hemden zwischen meinen Apfelbäumen lustwandeln würde, um im Herbst die Früchte von den Bäumen zu schütteln und herrliches Apfelmus daraus zu kochen. Und trotzdem ging alles so weiter wie bisher. Ich arbeitete viel, genoss mein schönes Zuhause wenig und wurde schwanger. Ich malte mir wieder in den schönsten Farben aus, wie herrlich das Leben mit Kind auf dem Land sein würde. Ich würde den Brei aus selbst angebautem Gemüse zubereiten und mir am Wochenende wunderbare Einschaltquotenmagneten ausdenken wenn das Kind schliefe. Abends würde ich stets pünktlich aus der Redaktion nach Hause fahren und wenn wir eine liebevolle Kinderfrau fänden, wäre das alles mit links zu organisieren.

Richtig und wichtig und aus und vorbei!

Und dann kam mein Sohn Tim auf die Welt. Bereits als ich ihn das erste mal im Arm hielt, war klar, dass diese 49 Zentimeter kostbares, wunderbares Leben ganz andere Pläne mit mir hatten. Tim half mir zu sortieren in wichtig und richtig und in aus und vorbei! Er dirigierte mich wortlos. Ausschließlich mit seinen mundwasserblauen Augen. Es dauerte nur wenige Monate bis ich mein altes Berufsleben hinter mir gelassen hatte und Tim wurde tatsächlich mit selbstgemachtem Apfelmus groß. Er konnte Beeren von den Sträuchern in unserem Garten naschen und im Kartoffelbeet buddeln. Draußen bei uns auf dem Land gab es einen Mann, der Haushaltsauflösungen machte. Seine Beutestücke lagerte er in meterlangen Regalreihen und unzähligen Kartons in einer Halle. Wir waren oft dort draußen. Tim war stets auf der Suche nach Werkzeug. Meist fand er irgendwo einen Hammer oder eine Zange. Dann holte er sein Kinderportemonaie heraus und verhandelte mit Peter Putz, dem Haushaltsauflöser, den bestmöglichen Preis. Mein Glück war perfekt, wenn ich obendrein ein Schränkchen fand oder ein paar Tischbeine aus denen ich ein Untergestell für das Waschbecken im Gästeklo bauen konnte. Und ich lernte! Jeden Tag! Ich lernte schleifen, umleimen und mit Holz umzugehen. Ich lernte die Geheimnisse der Lack- und Wandfarben von Herrn Fischer, dem Maler und das Patinieren von Günther, dem Bühnenbildner. Bald konnte ich gute Materialien von schlechten unterscheiden und ich perfektionierte meinen Blick für das Wesentliche. Oft ist es nur die Linie eines Möbels, die seine Schönheit ahnen lässt, verborgen unter vielen Lackschichten. Oft muss man sich einfach trauen, etwas vom Flohmarkt mitzunehmen um zu erleben, dass es sich in der richtigen Umgebung zu entfalten beginnt.

Das Glück liegt in den kleinen Dingen.

Tim und ich liebten es auf Flohmärkte zu fahren. Zunächst nur solche in unserer Umgebung. Die Mutter auf der Suche nach neuen Schätzen für unser Haus und der Sohn schaute nach Playmobilmännchen. Rauschende Feste, klingende Namen, teure Handtaschen… Tempi passati! Das Glück liegt in den kleinen Dingen. Ich hab’s wirklich ausprobiert.
Als Tim anfing Spaß an größeren Reisen zu haben, sind wir nach Frankreich gefahren oder haben in London morgens um 5 auf dem Bermondsey Flohmarkt Schatzsucher gespielt. Auch heute noch geht Tim von Zeit zu Zeit gern mit mir auf Flohmärkte. Inzwischen ist die amerikanische Ostküste unser liebstes Beuterevier geworden. Tim hält Ausschau nach Raritäten für sein Angelhobby und ich verlasse nie einen Flohmarkt ohne „American Beauties“!

Ich lernte, mich nicht vor der Wahrheit zu fürchten.

Es ist ein großes Geschenk, wenn man die Fähigkeit besitzt, wahre Schönheit zu erkennen. Manchmal ist das kein Spaziergang. Denn eines Tages beginnt man, auch die Schönheit des Charakters von Menschen einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Ich lernte, mich weniger vor der Wahrheit zu fürchten und mein Blick wurde immer klarer. Mehr und mehr ließ ich los, was mir nicht gut tat und schaffte es, Trennungen aller Art auszuhalten. Ich trennte mich von Möbeln, die nicht zu mir passten und von Kostümchen und Stöckelschuhen. Ich trennte mich auch von einer ganzen Reihe Menschen und habe dadurch viel Raum in meinem Herzen wiedererlangt.
Ich begann anderen dabei zu helfen, aus ihren Häusern ein Zuhause zu machen, alten Möbeln neuen Glanz zu verleihen und die Freude an den kleinen Dingen zu genießen. Zwei selbst renovierte Häuser und eine Scheidung später fing ich an über meine Beobachtungen zu schreiben. Darüber, wieviel das Wohnen mit unserem tiefsten Inneren zu tun hat und welcher Schatz es ist, wenn wir es zu unserem Begleiter machen. Es ist meine feste Überzeugung, dass wir uns gegen Krisen besser wappnen können, wenn wir in der Lage sind unser Zuhause zu genießen. Denn dann finden wir schneller zu uns selbst zurück, wenn das Leben uns Turbulenzen schickt.
Inzwischen habe ich eine ganze Reihe Bücher darüber geschrieben. Allesamt Bestseller, was mich unglaublich freut! Gutes Lessefutter und herrliche Bilder. Kein einziges Foto ist je im Studio gemacht worden. Die Accessoires sind keine hastig eingekauften „Stehrümchen“ sondern Dinge aus meinem wahren Leben. Die meisten Bilder sind in meinem Haus gemacht worden. Manche aber auch bei Menschen, bei denen ich mich wie zuhause fühle.
Jedes Foto entsteht in enger Zusammenarbeit mit Sonia Folkmann . Sonia ist eine wunderbare Fotografin. Sobald sie am Motiv erscheint, macht das Tageslicht was Sonia will. Ich finde, beim Betrachten der Fotos kann man immer auch unsere Freundschaft spüren. Fast alle Fotos auf diesem Blog sind von Sonia Folkmann gemacht. Wer die Bücher kennt wird einiges wieder-erkennen, aber auch Neues entdecken.
Vor langer Zeit hat mal jemand gesagt, bei Büchern handele es sich um nichts anderes als um dickere Briefe an Freunde… Der Spruch stammt aus einer Zeit als Blogs noch nicht erfunden waren. Jedes meiner Bücher habe ich stets als dicken Brief an Freunde empfunden und mit diesesm Blog wird es nicht anders sein. Nun kann ich so oft ich will Eilbriefe an Sie und Euch schreiben und muss nicht mehr warten muss bis ein Buch gedruckt oder eine Kolumne veröffentlicht ist. Für jeden, der eine dicke Portion Wohnglück sucht ist reichlich Platz in meiner Raumseele. Herzlich willkommen!

Ihre

Martina Goernemann